Durch Verleumdung, Kreuz und Tod

Meldorf – Der Junge mit dem weißen Umhang hebt mahnend den Zeigefinger. Er macht die Gebärde eines Schlafenden und schüttelt energisch den Kopf. Dann geht er beiseite, kniet nieder und faltet die Hände zum Gebet, während die anderen, denen seine Zeichen galten, in tiefen Schlaf fallen.

Wer die Geschichte kennt, ahnt es: Der Junge ist Jesus, die anderen, das sind die Jünger. Im Garten Gethsemane bittet er sie, nicht einzuschlafen, sondern für ihn und seinen schweren Weg zu beten, er selber zieht sich zur stummen Zwiesprache mit Gott zurück.
Die Kinder der dritten Klasse der Grundschule Meldorf wissen das. Sie haben die Geschichte schon mit Pastor Benjamin Pohlmann durchgespielt, am letzten Schultag vor den Osterferien treffen sie sich mit dem Geistlichen im Dom, um den Weg Jesu durch Kreuz und Auferstehung nicht nur zu gestalten, sondern mitzuerleben. Sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, besonders der neunjährige Thomas Misdorf, der den Jesus spielt. Er hat dafür viel auswendig gelernt und spricht den Text souverän ins Mikrofon. „Wir haben zu Hause jeden Tag zwei Mal geübt“, sagt er im Gespräch. Es sei ihm „eine große Ehre“, diese Rolle spielen zu dürfen, so der Schüler.

„Das Format ist in der Fachkonferenz Religion entstanden“, erklärt Benjamin Pohlmann. Gemeinsam mit den Lehrenden hat er ein religionspädagogisches Konzept für die Grundschüler entwickelt, immer die dritten Klassen bereiten gemeinsam dieses Passions-Spiel vor. Dafür treffen sie sich einmal mit dem Pastor in der Kirche, das zweite Treffen ist quasi schon die Generalprobe, und in einem dritten Durchgang sind Eltern und Großeltern eingeladen, das Geschehen gemeinsam mit den Kindern zu erleben.
Um „interaktives Erleben“ geht es, so der Pastor. Es geht darum, die Schülerinnen und Schüler mithineinzunehmen in das Geschehen. „Die Geschichte Jesu ist nicht weit weg und lange her“, so der Seelsorger, „sondern sie hat etwas mit uns zu tun“. Und es scheint – man spürt es förmlich – als ob das Erleben von Einsamkeit, Verrat und Verleugnung schon bei Neunjährigen an bittere, eigene Erfahrung anknüpft.

Es sind eindrückliche Momente im Meldorfer Dom. Der Gottesdienst beginnt mit dem umjubelten Einzug in Jerusalem. Dann feiert Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl im Altarraum des Doms. Als Christus im Seitenschiff betet und die Jünger es nicht schaffen, bei ihm zu wachen, ist es mucksmäuschenstill in der Kirche. Gefangennahme und Verrat, die Verleugnung durch Petrus und schließlich der Gang zum Kreuz – all das erleben die Kinder hautnah. Maria, die Mutter Jesu, bestattet schließlich ihren toten Sohn voller Trauer und Würde. Ein Licht im dunklen Grab, ein Ausblick auf Ostern und schließlich der Segen, vom Pastor gesungen, beschließen den Schulgottesdienst, mit dem die Kinder in die Ferien entlassen werden.
„Für mich ist das in der Karwoche der am intensivsten erlebte Gottesdienst“, sagt Benjamin Pohlmann. „Er lebt von den unterschiedlichen Stimmungen – das berührt mich jedes Jahr.“